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Meine Sicht auf Taijiquan

Eigentlich wollte ich Taijiquan nie wirklich machen. Jedenfalls nicht das, was ich bisher kennen gelernt hatte. Vor 5 Jahren lernte ich die einhändige Seidenübung, die mich in ihrer äußeren Einfachheit und ihrer inneren Komplexität unglaublich faszinierte. Das ganze Universum schien sich darin zu befinden. Ich übte nun auch regelmäßig die Stehende Säule, um meinen Stand zu verbessern. Für meine Süd-Shaolin Kungfu-Formen und natürlich besonders für die Partnerübungen, die im Vollkontakt ausgeführt immer meine ganze Kraft erfordert haben. Denn ich war als einzige Frau meinen Trainingspartnern an Größe, Gewicht und Muskelkraft unterlegen.

So begann ich in der Stehenden Säule immer mehr mit mir selbst und meinen eigenen Grenzen zu ringen. Der äußere körperliche Kampf mit anderen trat mehr und mehr in den Hintergrund. Ich hatte mich so viele Jahre geschlagen im harten Training sowie auf den Vollkontakt-Turnieren im Kung-Fu, Karate und Jiu Jitsu. Jetzt erkannte ich, dass ich vor allem gegen mich selbst gekämpft hatte. Natürlich spielt das Ego dabei auch eine Rolle, denn „Gewinnen macht Spaß“. Ich begann sehr viel sanfter mit mir selbst umzugehen. Meine Umwelt fand mich ebenfalls erträglicher, irgendwie viel netter.

Das Polarisieren fällt mir mit fortgeschrittener Übungspraxis ohnehin immer schwerer. Das ist gut oder das ist schlecht. Nichts ist mehr nur schwarz oder weiß. Ich sehe die vielen Facetten und Möglichkeiten in einer Sache oder mit Menschen, wie in einem Spiegelkabinett sich die Spiegel unendlich in sich selbst reflektieren.

Meine selbst errichteten Grenzen lösen sich nach und nach auf. Mit wachsender Erdung ist mein Denken soviel klarer geworden. Ich finde den Mut zu einem Lebensweg, der authentisch ist und stimmiger, gehe einen Weg, den ich gerne verantworte. Einfacher ist es nicht geworden, aber das Äußere und das Innere nähern sich immer mehr einander an. Wie in der Form, in der sich die feinstoffliche Energie in der grobstofflichen Bewegung des Körpers ausdrückt. Ich habe die Möglichkeit zu erkennen, wer ich bin. Und genau das verändert sich, beständig; denn ich entwickle mich beständig weiter, in meiner täglichen Taiji-Praxis und in anderen Bereichen meines Lebens. Darüber bin ich sehr glücklich; auch weil ich etwas davon an andere weitergeben kann.